Schwert und Kreuz

Wo liegen die Wurzeln für den erfolgreichen Widerstand der kubanischen Bevölkerung gegen die reaktionäre Indoktrination des Vatikans?

Als Papst Johannes Paul II. im Januar 1998 Kuba besuchte, hofften die Gegner des Sozialismus, damit werde sein baldiges Ende auf der Insel eingeleitet. In seinem Heimatland Polen hatte Karol Wojtyla mit drei Reisen (1979, 1983 und 1987) zum Untergang der sozialistischen Länder Osteuropas beigetragen. Auch die Kuba-Visiten des gleich reaktionären deutschen Josef Ratzinger im März 2012 und des aus Argentinien stammenden Jorge Mario Bergoglio, Papst Franziskus, im September 2015 weckten derartige Erwartungen. Angeblich besteht die kubanische Bevölkerung zu rund 80 Prozent aus Katholiken. Frustriert mussten westliche Kommentatoren jedoch immer wieder zur Kenntnis nehmen, dass die drei Päpste das kubanische System nicht im Geringsten erschüttert hatten. Statt dessen hatten sie die Aufmerksamkeit der Welt auf die US-Blockade gelenkt, die den Menschen auf der Insel seit Jahrzehnten zusetzt. Aber wo liegen die Wurzeln für den erfolgreichen Widerstand der kubanischen Bevölkerung gegen die reaktionäre Indoktrination des Vatikans?

»Dann will ich nicht dahin«

»Als Kolumbus hier mit seiner Kirche ankam, der katholischen Kirche, brachte er das Schwert und das Kreuz: Mit dem Schwert heiligte er das Recht auf Eroberung, und mit dem Kreuz segnete er sie«, sage Fidel Castro 1985 dem brasilianischen Befreiungstheologen Frei Betto in den berühmten »Nachtgesprächen«. Die Ureinwohner Kubas, die Taíno, waren die ersten Opfer dieser Allianz aus Schwert und Kreuz. Der von Spanien gefangene junge Kazike (Häuptling) Hatuey weigerte sich im Jahr 1513 noch auf dem Scheiterhaufen zu konvertieren. Ein Pater hatte ihm versprochen, er würde dann in den Himmel kommen. Ob auch Spanier dort seien, wollte Hatuey wissen. Der Pater bejahte, und der junge Kazike antwortete ihm: »Dann will ich nicht dorthin.«

Auch die seit 1517 aus Afrika nach Kuba verschleppten Sklaven durften ihre eigene Religion unter der spanischen Herrschaft nicht offen ausüben. Trotzdem geht eine der bedeutendsten Säulen der kubanischen Kultur auf die von ihnen eingeführten Mythen zurück. »Der unglückliche Sklave wurde nackt nach Kuba verschleppt. Er musste alles zurücklassen und konnte nichts Materielles mitnehmen. Das einzige, was er mitbrachte, war in seinem Inneren«, schrieb Fernando Ortíz, der bekannteste Ethnologe der Insel. In ihrem Gepäck hatten die Afrikaner nur Erinnerungen, Rituale, Tänze und Musik, ihre Sprachen und Religionen. Neben ihrer religiösen Bedeutung fanden die Mythen nicht nur für ihre Anhänger, sondern auch für große Teile des Volkes praktische Anwendung. Der Schriftsteller Miguel Barnet beschreibt diese Kulte, die »Regla de Ocha« oder auch Santería, als »Transkulturation von Elementen, die ihre Pflanzstätte in Kuba fanden und die uns mit einem kraftvollen Lebenssaft genährt haben, welcher der kubanischen Kultur eine ganz besondere Würze verleiht … und sie zu immer neuer Blüte bringt.« Durch die Verbindung entstand eine neue kulturelle Identität, zu der auch religiöse Phänomene gehören, schrieb er in seinem Buch »Afrokubanische Kulte«.

Kulturelle Gegenhegemonie

Der Historiker Michael Zeuske spricht von »unterschiedlichen Formen einer kulturellen Gegenhegemonie«, die es den Sklaven nicht nur ermöglicht habe, das Machtmonopol der Weißen »vor den Augen der Öffentlichkeit zu unterlaufen, sondern die weißen Kubaner im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts über Gebräuche, Moden und Musik zunehmend kulturell einzubinden«. »Einer, der bloß katholisch ist – das gibt es nicht«, bemerkte der als »Cimarrón« über Kuba hinaus bekannt gewordene Sklave Esteban Montejo: »Alle Religionen haben sich hier in diesem Land vermischt. Der Afrikaner brachte seine, die war die stärkste, und der Spanier brachte auch seine, die war aber nicht so stark«.

Der Synkretismus zwischen afrikanischen und christlichen Wurzeln erschuf Rituale, Zeremonien, Symbole und die Spiritualität einer eigenen, oft wunderbaren Welt, die auf der Anbetung der mit den entsprechenden katholischen Heiligen gleichgesetzten Orishas (Gottheiten der Santería) des nigerianischen Yoruba-Patheons beruht. Häufig wird bei den Ritualen noch die jeweilige afrikanische Sprache gesprochen.

Auch der Ahnenkult spielt eine große Rolle. Die Vorfahren werden nicht einfach der Betreuung durch Himmel oder Hölle überlassen und auf Friedhöfen vom Bereich der Lebenden entfernt, sie sind Bestandteil der Familienidentität. Das bezog sich ursprünglich vor allem auf die in Afrika verbliebenen Ahnen, wurde dann aber bei einigen Gläubigen auch auf weiße Vorbilder wie José Martí oder Fidel Castro übertragen.

Einige der bedeutendsten aktuellen Ereignisse in Kuba fallen auf Feiertage der Santeros. Am 17. Dezember etwa bitten Anhänger der Santería-Religion den Heiligen Lazarus, der von den Santeros »Babalú Ay«´genannt wird, um Schutz oder danken dafür, dass ihre Wünsche erfüllt wurden. Babalú Ayé wird große Macht zugeschrieben und ist einer der wichtigsten Orishas. An seinem Feiertag kündigten Kubas Präsident Raúl Castro und sein US-amerikanischer Amtskollege Barack Obama 2014 die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen ihren beiden Ländern an. Auch das Datum, an dem die Urne mit der Asche Fidel Castros auf dem Santa-Ifigenia-Friedhof in Santiago de Cuba beigesetzt wurde hat Symbolcharakter. Der 4. Dezember ist Changó gewidmet, der für viele Anhänger des Kultes der mächtigste Yoruba-Heilige ist. Der Sage zufolge hat er unzählige Gegner bezwungen und gilt als unbesiegbar. Wenn sein Name ausgesprochen wird, erheben sich die Gläubigen von ihren sitzen, um ihre Ehrerbietung zu bezeugen.

Religion der Oberschicht

Die offizielle Akzeptanz der afrokubanischen Religionen als fester Bestandteil der kubanischen Kultur setzte sich erst in den letzten 30 Jahren durch. Sie waren nach dem Sieg der Revolution noch längere Zeit als rückständig verpönt, obwohl Santeros sie unterstützt hatten. Heute engagieren sich ihre Anhänger in zivilgesellschaftlichen Massenorganisationen oder sind Mitglieder der Kommunistischen Partei Kubas (PCC). Die Medien des Landes veröffentlichen den zu Anfang jeden Jahres von den höchsten Santería-Priestern herausgegebenen »Letra del año« (Brief des Jahres), der den Gläubigen Voraussagen und Verhaltensratschläge für das kommende Jahr gibt.

Während die Santería in Kuba von der Religion schwarzer Sklaven zu einer des gesamten einfachen Volkes wurde, blieb das Christentum lange die Religion der Eroberer und der Oberschicht. »Die Kirche in Kuba war keine volksnahe Kirche, keine Kirche der Arbeiter, der Bauern, der Favelabewohner, der einfachen Kreise der Bevölkerung. In diesem Land, wo 70 Prozent der Bevölkerung Bauern waren, gab es nicht eine einzige Kirche auf dem Land«, erklärte Fidel Castro dem Theologen Betto. Die meisten Kirchen wurden in den »Wohnvierteln des Großbürgertums und der reichen Leute errichtet. Für sie war der Gottesdienst garantiert, im Gegensatz zu den Vierteln der Bedürftigen, der Armen, der Bauern und der Arbeiter«. Der Konflikt mit der katholischen Kirche, der nach der Revolution einsetzte, ist ein Klassenkonflikt gewesen, sagte Castro. »Die Klasse der Reichen betrachtete die Kirche als ihren Besitz und versuchte die Bischöfe, Priester und Katholiken zu konterrevolutionären Positionen zu verleiten.« Dies wirkt bis heute nach.

Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba

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Volker Hermsdorf
Junge Welt, 12.09.2018