Es geht voran

Zucker- und Landwirtschaft in Cuba im Januar 1998

Der Jahreswechsel im cubanischen Oriente: die Stimmung ist relaxter als ein halbes Jahr zuvor. Die Menschen wirken tendenziell gelöster, was nicht nur an der fiesta-Atmosphäre zu Neujahr liegt.

Eine nur scheinbar belanglose Beobachtung: auf den Strassen von Santiago de Cuba, Baracoa und anderswo begegnet man heute durchaus wieder korpulenten Menschen. Der Unterschied zu den Strichmännchen des Jahres 1994 ist offensichtlich. Die Versorgungslage ist nach wie vor schwierig, entspannt sich aber in der langfristigen Tendenz.

Das gilt auch im Vergleich zum Sommer 1997, als es noch einmal schwierig wurde, vor allem im Osten Kubas. Tagelange Regenfälle im Mai hatten damals die Ernte auf den Feldern verrotten lassen. Hinzu kamen die Spätfolgen des Hurricans "Lily". Auf den freien Bauernmärkten gab es nur noch wenig und das zu hohen Preisen: die Durchschnittsfamilie war schnell pleite. Und das in einer Zeit, als eine (inzwischen erfolgreich bekämpfte) Dengueepidemie eine besondere Alimentierung der Infizierten verlangte.

Januar 1998: die Zuteilungen auf die "libreta" haben sich nicht erhöht, auch nicht der Wert des Peso gegenüber dem Dollar (welcher seit zwei Jahren immer um die 23 Pesos herum pendelt, plusminus 3), bei einem Durchschnittsgehalt von 250 Pesos. Gewachsen ist aber die Kaufkraft des Peso auf dem freien Bauernmarkt, infolge eines vergrößerten Angebots sowie einer sich langsam verringernden zirkulierenden Geldmenge. Die Preise sind nach wie vor viel zu hoch, doch entwickeln sie sich mit positiver Tendenz. Kostete auf dem Land ein Pfund Schweinefleisch vor Jahresfrist noch über 20 Pesos, so sind es heute um die 13. 15 Pfund Süßkartoffeln kosteten damals ca. 10, heute 7 Pesos. Das Pfund Reis sackte im gleichen Zeitraum von ca. 8 10 auf etwa 5 Pesos ab (das ist, wie gesagt, der Verkaufspreis auf den freien "mercados agropecuarios": über die staatlichen "libreta"-Verteilungsstellen wird der Reis zu einem winzigen Bruchteil dieses Betrags abgegeben, aber eben nur 4-6 Pfund pro Person und Monat).

In den Städten sind Agrarprodukte selbstverständlich teurer (Transportkosten und höhere Nachfrage), jedoch mit ähnlicher leicht sinkender Tendenz.

Azúcar

Zum wiederholten Male stelle ich fest, daß die von HaJü Burchardt in verschiedenen Artikeln und insbesondere in seinem Buch "Kuba den lange Abschied von einem Mythos" geäußerte Kritik an der fehlenden Arbeitsmotivation der Beschäftigten in der Landwirtschaft so nicht zutrifft.

Besuch bei der Zuckerkooperative "10 de octubre" in der Ortschaft Mella, Provinz Santiago de Cuba. Rafael Hechegarria, Leiter dieser sogenannten "Unidad basica de producción cooperative (UBPC), erläutert das komplizierte Entlohnungssystem, das gleich mehrfach mit der Arbeitsleistung des Einzelnen und der gesamten Genossenschaft rückgekoppelt ist:

"Wie viele andere Staatsgüter wurden wir 1994 zu einer UBPC umgewandelt, das heißt, wir arbeiten heute auf vom Staat gepachteten Land teilweise selbständig und mit eigener Rechnungsführung. Der Staat schreibt allerdings vor, was wir anbauen müssen, in diesem Fall Zuckerrohr.

Früher gab es ein Einheitssalär. Heute wird die anfallende Arbeit in Einheiten unterteilt. Erledigt der compañero eine Arbeitseinheit (z.B. soundsoviel Fläche Zuckerrohr von Unkraut säubern), so verdient er sich damit einen bestimmten Pesobetrag. Entsprechend bringt jedes Kooperativenmitglied einen höheren Einsatz für die Gemeinschaft, die Motivation steigt. Wenn die Kooperative darüberhinaus zum Ende der Erntezeit einen Gewinn erwirtschaftet, wird dieser unter allen compañeros verteilt.

Und es gibt noch ein drittes Stimulanz: das Bonussystem. Wenn der Einzelne keinen Tag im Monat gefehlt und eine bestimmte Menge von Arbeitseinheiten erledigt hat, bekommt er zusätzlich zum Pesogehalt sogenannte Bonuspunkte ausbezahlt. Diese kann er in staatlichen Läden, sog. "tiendas de estimulos", einlösen, die exakt die Produktpalette der kubanischen Dollarshops, also auch wichtige 'Mangelprodukte' offerieren".

Später auf dem Zuckerrohrfeld treffen wir denjenigen, der die Erntemaschine fährt. In einer vermeintlichen Arbeitspause macht er eben keine Pause, sondern sammelt das beim Abernten von der Erntemaschine aufgenommene Zuckerrohr ein und wirft es auf die Maschine: "Wenn das Feld nicht sauber ist, bekomme ich keinen Bonus".

Der Leiter der Kooperative bezieht fast als einziger ein festes Salär. Er erhält außerdem nur dann Bonuspunkte, wenn ALLE Mitglieder der UBPC die Vorgaben für den Monat erfüllt haben. Das führt dazu, daß ein einfacher Landarbeiter in manchen Monaten mehr verdient als der Kooperativenleiter!

Dasselbe Bonussystem mit strukturellem Nachteil für die 'jefes' gilt auch in der benachbarten Zuckerfabrik (central) des Ortes. Somit ist also ein Betriebsleiter, um Punkte zu bekommen, immer darauf bedacht, daß der gesamte Betrieb gut läuft. In der 'central' wird ein Fünftel des numerischen Betrags des Pesogehalts in Form der Bonuspunkte ausbezahlt (zusätzlich), außerhalb der Erntezeit allerdings nur die Hälfte. Im Bonusladen sind die Produkte teurer als im Dollarshop, dennoch ist der stimulierende Effekt beträchtlich. Der Arbeitskräftemangel in der Zuckerwirtschaft existiert noch, ist aber dank der kleine Privilegien längst nicht mehr so ausgeprägt wie vor der Einführung der neuen Anreizsysteme.

Die 'tiendas de estimulos' gibt es nicht mehr nur in der Zuckerwirtschaft (die übrigens einem eigenen Zuckerministerium und nicht etwa dem Agrarministerium untersteht), sonder sind peu a peu auf mehr und mehr landwirtschaftliche Bereiche ausgedehnt worden. So findet man in der tropischen Kaffee- und Schokoladenmetropole Baracoa eine 'tienda de estimulos' für die Kakao- und Kaffeearbeiter (die aktuelle Kaffeeernte zeigt übrigens überdurchschnittliche Ergebnisse).

Wie geht es weiter?

Die Kooperative '10 de octubre' erzielt Jahr für Jahr Überschüsse. Das ist nicht überall so, im Gegenteil. Die Mehrzahl der Zuckerkooperativen erwirtschaften immer noch ein Minus, was gewiß auch mit den niedrigen staatlichen Ankaufpreisen für das Zuckerrohr zu tun hat. Dem stehen andererseits subventionierte Preise beim Kauf von Treibstoff, Maschinen und Ersatzteilen gegenüber.

Bei den Agrarkooperativen außerhalb der Zuckerwirtschaft, die ja einen Teil ihrer Überschüsse auf dem freien Markt verkaufen können, sieht es ein wenig günstiger aus: Nach der Umstellung arbeiteten nur 40 Prozent der UBPC's rentabel (1995), heute etwa 50 Prozent. Das bedeutet natürlich, daß der Staat noch immer subventionieren muß. Bis zum Jahr 2000 will die Regierung die Subventionierung beenden. Die Kooperativen, die bis dahin keine Rentabilität erreicht haben, sollen entweder mit anderen zusammengelegt oder in noch kleiner Einheiten zerlegt werden, e nach den lokalen Bedingungen. Kredite aufzunehmen wird den UBPC's aber weiterhin möglich sein.

Trotz der erwähnten, wirklich schwierigen klimatischen Bedingungen hat die Landwirtschaft im Verlauf des Jahres 1997 in manchen Bereichen enorm zugelegt (lt. "Trabajadores": Informe sobre los resultados económicos 1997): die Reisproduktion stieg um 35,6%, Zitrusfrüchte: +20,3%, Bohnen: +67,7% (!).

diese Tendenz gilt nicht für die Zuckerrohrernte (zafra), die Produktion ging von 4,5 auf 4,25 Millionen Tonnen zurück. Der Hurrican 'Lily' und die Auswirkungen des Helms-Burton-Gesetzes auf die Beschaffung von Devisen zur Vorfinanzierung der 'zafra' werden als Ursachen genannt. Entsprechend blieb das Wirtschaftswachstum hinter den Erwartungen zurück und pendelte sich bei 2,5 Prozent ein.

Und 1998?

Kuba kann das Helms-Burton-Gesetz teilweise neutralisieren und hat neue Kreditgeber gefunden, die auch zumindest etwas günstigere Kredite gewähren (dies ändert nichts daran, daß letztendlich jeder Kreditgeber die Situation Kubas ausnutzt und sehr teures Geld mit sehr kurzer Laufzeit verleiht). Mit Hilfe solcher Kredite wurden z.b. in den letzten vier Jahren über 2.000 Erntemaschinen mit Mercedesmotoren ausgestattet, die weniger anfällig und darüberhinaus sehr energiesparend sind, sich also innerhalb wenige Jahre amortisieren. In diesem Jahr erwartet man dennoch, wenn überhaupt, nur einen geringfügigen höheren Ertrag. Was ist los?

Zum ersten Mal wieder kehrt man zum Bewirtschaftungssystem der 80er Jahre zurück und läßt ca. 10-15% des Zuckerrohrs bis zu nächsten Ernte auf dem Feld stehen. In der Zwischenzeit wird das Rohr weiter wachsen und mehr Ertrag abwerfen.

In den vergangenen Jahren lebt Kuba von der Hand in den Mund und mußte in jeder zafra versuchen, soviel wie möglich zu ernten, um auf die Schnelle Devisen einzunehmen. Heute will man sich wieder leisten, mit Blick auf einen dann höheren Ertrag abzuwarten. Hierdurch verringert sich auch der Energieaufwand bei der Ernte (in dieser noch bis zum Mai laufenden Erntezeit wird Kuba übrigens der freie Fall der Erdölpreise auf dem Weltmarkt sehr zugute kommen, das verringert die Kosten der Ölimporte, die für die Insel bis zu 60& der Deviseneinnahmen betragen).

Fidel und seine Großfamilie

Was habe ich vergessen? Die Privatbauern vielleicht. Die gab es unter der Revolution schon immer, selbige hat nur das Land der Großgrundbesitzer, nicht jedoch das der einfachen Bauern mit Zwang kollektiviert. In der Tabakprovinz Pinar del Rio wird der größere Teil des Tabaks von Privatbauern angebaut. Auch in anderen Provinzen gibt es private fincas, wenngleich nicht ganz so häufig.

Im Dorf der oben erwähnten Kooperative z.b. haben sich zwei Vettern von Fidel Castro, die früher bis zur Verrentung in der Zuckerfabrik gearbeitet hatten, auf kleinen fincas selbständig gemacht. Die Mutter der beiden lebte bis zu ihrem Tod in Havanna und war eine enge Vertraute von Fidel und Raúl Castro. Die bodenständigen (und trinkfesten) Söhne zogen das Landleben vor und kennen mit über 70 Jahren ebensowenig wie Fidel so etwas wie Ruhestand.

Einer von beiden, der Raúl Castro ähnlich sieht, zeigt seine Farm. Er hat sich nicht spezialisiert, sondern züchtet ebenso Vieh wie er Mais, Maniok u.a. anbaut. Überschüsse werden im Dorf verkauft. Die Stadt beliefert er mangels Transportmöglichkeiten nicht. Die hierzulande geäußerte Kritik, daß nur die Privatbauern von den freien Märkten in der Stadt profitieren, trifft in keinster Weise zu. Im Regelfall verfügen nur die Kooperativen über Traktoren, die den Transport bewerkstelligen können.

Überhaupt ist der manchmal unterstellte sagenhaft Reichtum dieser campesinos eher ein Gerücht. Sieht man von der natürlichen reichhaltigen Ernährung ab, wirkt der Gastgeber nicht besonders privilegiert. Der einzige "Luxus" in der einfachen Hütte ist ein alter Fernseher, mit dessen Hilfe man sich abends den Cousin aus Havanna ins Wohnzimmer holen kann.

Ob Genossenschafts- oder Privatbauern: die Menschen auf dem Land sind als Produzenten an der Basis generell zuversichtlicher, daß es mit der Produktion und also mit Kuba bergauf geht. Sie werden es am Besten wissen.

CUBA LIBRE Andreas Hesse
Cubagruppe im 3. Welt-Haus Frankfurt

CUBA LIBRE 2-1998