Intoleranz oder Humanismus?

Homosexualität in Kuba

Hast du eine Vorstellung, wieviele Homosexuelle es in Kuba geben kann? Wenn man die Weltquote von 3 bis 4% der Bevölkerung zugrundelegt, mit der fast alle Experten einverstanden sind, dann gäbe es in Kuba 300.000 bis 400.000 absolute Homosexuelle, die Bisexuellen nicht mitgerechnet. Eine ihrem Wesen nach humanistische Gesellschaft kann nicht so tun, als ginge sie das Schicksal dieser Bürger nichts an.

Dr. Celstino Alvarez Lajonchere, ehemaliger Direktor der Arbeitsgruppe für sexuelle Erziehung, Kuba.

Kurze Geschichte des Daniel Ramírez

Daniel Ramírez lernt in der 11 Klasse einer Abendschule in Havanna, während er zugleich als Reinigungskraft bei einem Friseur arbeitet. Er hatte seine Ausbildung in den Vormittagskursen aufgegeben, um Arbeit zu suchen, und damit begann sein schmerzlicher Pilgerweg von Betrieb zu Betrieb. Die Vorwände, ihm keine Arbeit zu geben, waren vielfältig und hingen von der Phantasie und dem Niveau der Vorurteile der Arbeitgeber ab: daß es keine Stelle gäbe, daß er seine Angaben da lassen solle, man würde sich bald mit ihm in Verbindung setzen usw. - er könnte heute noch warten! Ein Bauleiter sagte ihm unumwunden, daß er, wenn er ihn einstellen würde, in den folgenden Monaten andere Arbeiter entlassen müßte, weil es zu Streitigkeiten seitens derjenigen kommen würde, die sich weigern, mit einem Homosexuellen zusammenzuarbeiten. Woanders sagte man ihm, es gäbe keine Stelle. Daniel nahm die Begründung an und schickte wenige Minuten später einen heterosexuellen Freund, der die Stelle ohne größere Verzögerungen bekam. Eine Psychiaterin ging so weit, ihm zu sagen, er solle das Leben wie einen Film ansehen oder außer Landes gehen. Aber trotz dieses Rates denkt Daniel, der in einer Familie erzogen wurde, die ihn nach seinem sozialen Verhalten beurteilt und liebt und nicht nach dem sexuellen, daß sein Platz in Kuba ist.

Zuverlässig oder nicht?

Fälle wie der von Daniel regten mich zu einem Gespräch mit Dr. Celestino Alvarez Lajonchere an und dazu, einige Urteile und Vorurteile zu untersuchen, die in Kuba hinsichtlich der Homosexualität nach bestehen:

- Dr. Alvarez Lajonchere, es gibt eine weitere weitverbreitete Auffassung darüber, daß Homosexuelle als solche nicht zuverlässig sind. Was meinen Sie dazu?

- Das beruht auf der Auffassung, daß Homosexualität eine "Charakterschwäche" ist und sie aus diesem Grunde nicht zuverlässig sind. Ich glaube, daß Homosexuelle Objekt von Erpressung sein können in einer unduldsamen Gesellschaft, wo sie aus augenfälligen Gründen ihre Homosexualität verschweigen. Von diesem Standpunkt aus glaube ich, daß es nicht klug wäre, ihnen militärische oder Staatsgeheimnisse anzuvertrauen, und ich würde es vorziehen, daß die Homosexuellen das begreifen. Aber nicht aus Gründen, die bei ihnen liegen. Ich habe großartige Persönlichkeiten in Kunst und Wissenschaft kennengelernt, von großer Charakterstärke, die selbst Folterungen widerstanden haben, ohne ihre Partner zu verraten. Kann man sie also als unzuverlässig bezeichnen?

- Es ist merkwürdig: wenn eine Gesellschaft unduldsam ist, dann verschweigt der Homosexuelle sein Wesen und ist eine mögliche Zielscheibe für Erpressung. Einem verdeckten Homosexuellen aber vertraut die Gesellschaft die Geheimnisse an, von denen sie gerade sprachen, denn sie glaubt, er sei heterosexuell. Und wenn es sich um einen erklärten Homosexuellen handelt, wenn also die Gesellschaft ihre Geheimnisse von ihm fernhält, dann droht ihm keinerlei Erpressung aus diesem Grunde. Wenn sich die gegenwärtige Auffassung ändern würde und Homosexualität als Lebensweise nicht länger abgelehnt würde, würde dann nicht die Voraussetzung für eine Erpressung aus diesem Anlass verschwinden?

- Das ist vernünftig, aber sehen Sie, die Doppelmoral, die Mißachtung der Frau wird Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte brauchen, bevor sie verschwindet. In Holland konnte ich feststellen, daß sogar die männlichen Homosexuellen die weiblichen diskriminieren. Extrapolation des Machismo. So wird also die Diskriminierung des Homosexuellen noch langsamer verschwinden.

Ursachen?

- Das wird noch untersucht, antwortet Dr. Lajonchere, aber es scheint, daß die biologischen Ursachen wichtiger sind. Das Institut für Experimentelle Endokrinologie der Humboldt-Universität zu Berlin hat systematisch Reihen von homosexuellen Versuchstieren erzielt, indem das endokrine Gleichgewicht des Muttertieres verändert wurde, in dem sich der zerebrale Dimorphismus in dem Tier herausbildet. Wenn die Ursachen grundsätzlich biologischer Natur sind, dann ist die Person für ihre Homosexualität nicht verantwortlich. Es liegt nicht bei ihr, sie zu ändern. Sie hat sie nicht ausgewählt. Daher ist es doppelt inhuman, dem Homosexuellen das Leben unmöglich zu machen. Aus welchem Grunde also auch es ist inhuman, ihn auszugrenzen, es widerspricht den humanistischen Prinzipien unserer Gesellschaft.

Homosexuelle, Bisexuelle und Transsexuelle

- Eine homosexuelle Erfahrung in der Jugend, so meint Dr. Lajonchere, muß mit Vorsicht betrachtet werden. Sie ist häufig und schließt nicht ein, daß die Person homosexuell ist (wenn sie lediglich eine sexuelle Anregung durch Personen des gleichen Geschlechts empfindet). Es gibt auch Personen, die unterschiedslos auf beide Geschlechter reagieren, die Bisexuellen, die nicht streng homosexuell sind. Der Homosexuelle versucht selten einen Wechsel des Geschlechts, und wenn er es tut, dann auf Grund des Gesellschaftlichen Drucks. Der Transsexuelle dagegen ist physiologisch ein Mann, doch seine Wahrnehmung als Mensch ist die einer Frau. Seine Lage ist im allgemeinen sehr dramatisch und kann mit der des Transvestiten verwechselt werden (der transsexuell oder homosexuell sein kann). In solchen Fällen wird in Kuba bereits der Geschlechtswechsel praktiziert.

Dressur?

- Wir wissen, Dr. Lajonchere, daß man während jener unheilvollen und glücklicherweise überwundenen 60er Jahre in den Militäreinheiten zur Unterstützung der Produktion (UMAP), in denen viele Homosexuelle zusammengefaßt waren, versuchte, deren Verhalten mittels entgegenwirkender Techniken zu ändern. Ist so etwas möglich?

- Der Homosexuelle behält sein hormonelles Niveau genau wie der Heterosexuelle, nur ändert sich das Zentrum seines Interesses. Davon ausgehend könnte man ihn so abrichten, daß er Beziehungen zu Personen des anderen Geschlechts aufnimmt. Die Schwierigkeit besteht darin zu erreichen, daß ihm das angenehm ist. Und in diesem Falle würde man der Frau einen unvollständigen Mann geben, dessen Orientierung in der Struktur seines Gehirns begründet liegt. Aber außerdem würde es der Ethik widersprechen, ihn abzurichten.

Affektiertheit

- Es wird angenommen, alle Homosexuellen seine affektiert. Ist es so?

- Nein. Während Homosexualität grundsätzlich biologisch ist, ist Affektiertheit erworben. Wo es keine starke Unterdrückung gibt, wo sich der Homosexuelle mehr oder weniger offen bewegen kann, wird Affektiertheit von den Homosexuellen abgelehnt und tritt bei einer Minderheit auf. Gelegentlich kann sie Ausdruck des Protestes sein gegenüber einer Gesellschaft, die sie diskriminiert.

Gibt es Diskriminierung von Homosexuellen in Kuba?

Das ist die Frage, die ich Dr. Lajonchere dann stelle. Aber zunächst möchte ich aus dem Brief eines Homosexuellen zitieren, den dieser an die Redaktion der Zeitschrift Somos richtete:

"Warum wird der Homosexuelle so sehr diskriminiert? Warum behandelt man uns wie Asoziale? Warum werden wir überall zurückgestoßen, wenn man bei einem von uns auch nur den geringsten Anschein von Homosexualität entdeckt?"

- Das gibt es und wird es noch viele Jahre geben, antwortet Dr. Lajonchere. Das beschränkt sich nicht auf und, das gibt es weltweit. Die Forscher Master und Johnson behaupten, daß die Ausgrenzung einen religiösen Ursprung hat. Die Kirche akzeptiert nur den Koitus zum Zwecke der Reproduktion, daher ist Homosexualität Todsünde. Im Mittelalter wurden Homosexuelle zum Tode verurteilt.

- Sogar in Kuba, wo die Inquisition nicht stark ausgeprägt war, fand als einzige Massenverbrennung die von etwa 90 Homosexuellen statt, an einem Ort mit dem Namen Cayo Puto, in der Meeresbucht von Havanna.

Selbst die Eltern

Die Heftigkeit der Ablehnung Homosexueller zeigt sich in einer symptomatischen Tatsache: die ersten, die sich ablehnend zeigen, sind die Eltern. Die gleichen Eltern, die ein krankes oder behindertes Kind beschützen würden, die ihre Unterstützung nicht einmal einem kriminellen Sohn entziehen würden. Eine Lösung suchen manche Eltern darin, daß sie die Homosexualität ihrer Kinder "ignorieren". Das Unverständnis kann soziale Störungen bewirken, die nichts mit der Homosexualität zu tun haben, die dann aber sehr wohl als Rechtfertigung für die Diskriminierung herangezogen werden.

Unterdrückung?

- Es gibt Funktionäre, die Willkür walten lassen und in manchen Fällen die Gesetzgebung gemäß ihren Vorurteilen anwenden, die Menschenwürde des Homosexuellen verletzen aus eigener Überzeugung oder weil einfach eine humanere Haltung gegenüber dem Homosexuellen den Funktionär verdächtig machen würde, wenigstens in bestimmten Situationen, und zwar vor den Augen weniger toleranter Kollegen. Kann man in Kuba von einer Unterdrückung der Homosexuellen sprechen?

- Ich glaub nicht, daß es in Kuba diesbezüglich eine Tendenz zur Unterdrückung gibt, meint Dr. Lajonchere, aber Probleme mit der Arbeit gibt es, es gibt Aufgabenbereiche, die ihnen verwehrt sind, so die Erziehung.

- In unseren Gesetzen wird nicht das Verbot der Homosexualität ausgesprochen, erklärt Major Eduardo Berriz, Propagandachef der kubanischen Nationalpolizei, was nicht geduldet wird, das sind ihre Darstellungsweisen. Darunter ist zu verstehen, daß ein Homosexueller seine Lebensweise nicht in der Öffentlichkeit bekunden darf: sich die Lippen anzumalen, die übrigen Bürger mit seiner Lebensform zu provozieren. Das greift Absatz 4 des Artikels 359 des Strafgesetzbuches auf: "Bestraft wird mit Freiheitsentzug von 3 bis 9 Monate oder mit einer Geldstrafe bis zu 270 Einheiten oder mit beidem, wer öffentlich seine Lebensweise als Homosexueller zur Schau stellt oder mit seinen Aufforderungen andere belästigt oder bedrängt, homosexuelle Handlungen auf öffentlichen Plätzen ausführt oder im privaten Bereich, wo sie jedoch unfreiwillig von anderen Personen beobachtet werden können, wer das Schamgefühl oder die guten Sitten durch schamlose Darstellungen oder andere Akte öffentlichen Ärgernisses verletzt."

Wenn man berücksichtigt, d so denke ich, daß es zwischen Affektiertheit und Homosexualität möglicherweise keine Übereinstimmung gibt, so besteht das Risiko, daß "öffentliches Zurschaustellen" für jeden etwas anderes bedeuten kann, daß Scham und noch eher die "guten Sitten" u zweideutig aufgefaßt werden können und schließlich das Gesetz sich als so sehr auslegbar erweist, daß es jeder nach seiner Weise anwendet. Das ist der geradeste Weg zur Willkür.

Köder

In einigen Bildungszentren pflegt man Köder einzusetzen, um den der Homosexualität Verdächtigen, wenn er dann in flagranti ertappt worden ist, aus angeblich "moralischen" Gründen der Einrichtung zu verweisen. Was halten Sie, Doktor, von dieser "moralischen" Praxis?

- Das ist meiner Meinung nach eine entwürdigende Praxis, und zwar vor allem für diejenigen, die sie betreiben. Hier wird der Arbeits- oder Studienweg eines oftmals fähigen Menschen unterbrochen, und die Beweggründe dafür sind gelegentlich schmutziger als ein Vorurteil. Eich erinnere mich eines Falles, da studierte ein sehr schönes Mädchen in der Tschechoslowakei. Mehrere ihrer kubanischen Mitstudenten warben um sie, aber sie wies sie ab. Da vermuteten sie, sie sein homosexuell und benutzten einen Köder. Das Mädchen fiel darauf herein. Sie wurde vom Studium ausgeschlossen und nach Kuba zurückgeschickt, wo sie jetzt als Sekretärin arbeitet, so daß die Gesellschaft ihrer Fähigkeiten beraubt wird. Wenn sie nicht attraktiv gewesen wäre, hätte sich möglicherweise niemand um ihre Homosexualität gekümmert.

Homosexualität gegen Ideologie?

"Ich hatte das Glück, mich anpassen zu können, und mein Partner verstand es stets, mich zu lenken, aber gegenwärtig fühlt sich die Jugend im Stich gelassen. Sie bilden einen Untergrund, und wegen der bestehenden Vorurteile lehnen sie alles ab. Wenn man uns beachtet und uns einen Platz in der Gesellschaft zugesteht, können wir handeln. Wir wollen Achtung und werden Achtung zu erweisen wissen, je nachdem, wie man uns behandelt. Ich bin glücklicherweise Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes und weiß, daß es auf Grund meiner Homosexualität eine Sünde ist. Aber ich frage mich, warum, denn ich habe eine würdige Haltung." (Brief an die Zeitschrift Somos)

Hier wird die Doppelzüngigkeit angeprangert, zu der sich der Homosexuelle gezwungen sieht, weil es heutzutage ein ungeschriebenes Gesetz ist, daß Homosexuelle keinen politischen Organisationen angehören dürfen wie der Kommunistischen Partei oder dem Kommunistischen Jugendverband. Denn einige betrachten Homosexualität als eine moralische Deformierung, die politische Unfähigkeit zur Folge hat selbst wenn das Leben ständig die Absurdität dieser Haltung beweist.

Angebliche Statistiken

reihen Kuba unter die Länder mit den höchsten Quoten an Homosexualität auf der Welt ein. Könnte etwas Wahres daran sein?

- Dafür gibt es keinerlei Begründung. Ebensowenig gibt es Gründe für die Annahme, daß es in Kuba mehr oder weniger Homosexuelle als in anderen Ländern gibt, stellt Dr. Lajonchere entschieden fest. Aber wenn man sie unterdrückt, zeigen sich einige stärker extrovertiert. Ich glaube nicht, daß man in irgendeinem Land eine zuverlässige Statistik darüber aufstellen kann. Es gibt starke Bemühungen darum, einen Keil zwischen die homosexuellen Gruppen und die kubanische Revolution zu treiben. Dabei nutzt man die Fehler aus, die in den 60er Jahren begangen wurden. Wenn man eine große Lüge verbreitet und mit einer kleinen Wahrheit unterstützt, dann ist das Ergebnis mehr oder weniger glaubhaft für eine Bevölkerung, die auf Grund einer Lawine von Desinformation bereits voller Vorteile steckt.

- Und wie wäre die beste Haltung, die menschlichste, aber zugleich eine realistische, diesem Phänomen gegenüber?

Ich bewerte die Menschen nicht nach ihrem gesellschaftlichen Verhalten, nicht nach ihren sexuellen Neigungen. Ich urteile nach ihrer gesellschaftlichen Haltung, denn alles, was zwischen zwei Menschen innerhalb einer Wohnung geschieht, geht nur sie etwas an. Nichts von dem, was Dritte beeinträchtigt, ist zu verurteilen. Unter der Bevölkerung größeres Wissen über dieses Phänomen zu verbreiten, wird ihr helfen, daß diese Menschen nicht ausgegrenzt werden dürfen, weil sie anders sind. Und das Verständnis muß bei den Eltern beginnen. Wenn wir nicht toleranter würden, würden wir aufhören, humanistisch zu sein.

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CUBA LIBRE 4-1993